Barbara Toch

»Ganz los wird man die Herkunft ja sowieso nicht. Ob jetzt im ganz persönlichen, familiären Bereich oder im gesellschaftspolitischen Umfeld. […] Man musste erst mal erkennen: Wie gehen jetzt die Dinge, wie läuft das? Wem kann ich vertrauen? Was muss ich tun, um gesehen zu werden? Kann ich das erfüllen? […] Man hätte sich mehr sichtbar machen können manchmal. Also mir geht es so.«

*1950 in Dresden

lebt und arbeitet in Gera

Malerei, Zeichnung, Grafik, Installation


Barbara Tochs Bilder entstehen aus einem Wechsel von Verdichtung und Öffnung. Dunkle Linien bündeln sich zu Netzen und körperhaft wirkenden Strukturen oder treten vor lichte, fast transparente Farbräume. Etwas Pflanzliches, Körperliches oder Gebautes kann darin aufscheinen, ohne sich eindeutig festzulegen. Die Bezeichnung „abstrakt“ verwendet Barbara Toch für ihre Arbeiten nur ungern. Am Anfang stehen konkrete Erfahrungen, Beobachtungen oder Gedanken, die sich im Arbeitsprozess verändern und offenbleiben dürfen.


Weg und Werk


Kunst gehört früh zu Barbara Tochs Alltag. Sie zeichnet als Kind viel; ein kunstinteressierter Onkel und später ein engagierter Kunsterzieher bestärken sie darin. Als Jugendliche besucht sie einen Zeichenzirkel und den Jugendklub „Alte Meister“ an der Dresdner Gemäldegalerie. Dort lernt sie Kunst vor allem im gemeinsamen Sehen und Sprechen kennen: bei Führungen, Gesprächen und Museumsbesuchen. Noch bevor sie selbst Kunst studiert, wird der Blick auf Bilder damit zu einer eigenen Beschäftigung.


1968 beginnt Barbara Toch an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig Malerei und Grafik zu studieren. Das Studium bei Werner Tübke, Hans Mayer-Foreyt und Wolfgang Mattheuer prägt unterschiedliche Seiten ihres Arbeitens. Bei Tübke erinnert sie sich besonders an intensives Zeichnen nach dem Modell und den hohen Anspruch an handwerkliche Genauigkeit. Mit Mattheuer rücken Inhalt und Metapher stärker in den Vordergrund. Staatliche Vorstellungen von Kunst erlebt sie während des Studiums weniger unmittelbar, als es rückblickend oft angenommen wird. Im Mittelpunkt steht zunächst die Frage, zeichnerisch und malerisch bestehen und eine eigene Form entwickeln zu können. 1973 schließt sie das Studium mit dem Diplom ab.


Erst mit dem ersten eigenen Atelier nach dem Studium stellt sich für Barbara Toch das Gefühl ein, den Beruf tatsächlich ergriffen zu haben. Der Alltag bleibt von unregelmäßigen Aufträgen geprägt; sie leitet Zeichenzirkel und übernimmt weitere Tätigkeiten. Anfang 1978 zieht sie mit ihrer Familie nach Gera. Im neu entstehenden Stadtteil Lusan erhält sie eine Atelierwohnung, in der Wohnen und Arbeiten unmittelbar nebeneinander möglich sind. In der Nachbarschaft leben weitere Künstler:innen, aus den Ateliers entwickelt sich ein enges kollegiales Umfeld.


Diese Bedingungen geben Barbara Toch Raum zum Arbeiten, auch als ihre beiden Kinder klein sind. Krippen- und Kindergartenplätze sowie die Unterstützung ihres damaligen Partners helfen, Familie und Kunst miteinander zu verbinden. Zugleich bestimmt die Familienarbeit den Arbeitsrhythmus. In Lusan entstehen Stillleben, Fensterblicke, Himmel, Kerzen und sparsam gesetzte Gegenstände. Rückblickend bezeichnet sie viele davon als „stille Sehnsuchtsbilder“: Arbeiten, in denen Begrenzung, Ferne und der Wunsch nach etwas noch Ungesehenem mitschwingen.


Der eingeschränkte Austausch über die Grenzen der DDR wirkt dabei in zwei Richtungen. Barbara Toch vermisst Reisen und die unmittelbare Begegnung mit Kunst, die sie oft nur aus Büchern und Reproduktionen kennt. Gleichzeitig erinnert sie sich daran, wie intensiv einzelne Bilder, Bücher oder Filme gemeinsam betrachtet und diskutiert werden. Internationale Pleinairs in Polen, Rumänien und der Sowjetunion unterbrechen den Alltag. Ende der 1980er-Jahre verdichtet sich dennoch das Gefühl einer „bleiernen Zeit“. 1989 beteiligt sie sich an den Demonstrationen in Gera.


Mit 1989/90 verändern sich Alltag und Malerei. Kurz nach der deutschen Vereinigung reist Barbara Toch nach Paris, später folgen weitere Reisen sowie Arbeitsaufenthalte nach Frankreich und Italien. In den Museen dort begegnet sie nun Kunst unmittelbar, die sie zuvor vor allem von Abbildungen kannte. Ihre Bilder werden größer und offener. Schwarze Linien und gekratzte Strukturen brechen ruhigere Bildräume auf. Sie übermalt, zerstört und verändert bereits Angelegtes und arbeitet zunehmend prozesshaft. Barbara Toch beschreibt diese Entwicklung als einen Moment, in dem sich für sie „eine neue Welt“ öffnete.


Seit den späten 1990er-Jahren wird die Linie zu einem tragenden Element ihrer Arbeit. Mit Spachtel und Farbe entstehen Geflechte, Verdichtungen und räumlich wirkende Strukturen, die an Körper, Pflanzen, technische Gebilde oder Architekturen erinnern können. Hinter den Formen stehen weiterhin konkrete Anlässe und Bedeutungsebenen. Bis heute arbeitet Barbara Toch häufig in Serien.


Nach 1989 muss sie zugleich neu herausfinden, wie künstlerische Öffentlichkeit funktioniert. „Was muss ich tun, um gesehen zu werden?“, erinnert sie als eine der Fragen dieser Jahre. 1992 gehört Barbara Toch zu den Gründer:innen der Geraer Künstlergruppe schistko jedno. Gemeinsam organisieren die Beteiligten Ausstellungen und knüpfen neue Kontakte. Mit dem späteren KUNST RAUM GERA entsteht ein eigener Ort für Kunst, Film und Lesungen. 1997 erhält sie ein Arbeitsstipendium des Freistaats Thüringen.


2020/21 widmet ihr das Angermuseum Erfurt mit Netz-Haut eine umfangreiche Präsentation aus mehreren Jahrzehnten ihres Werks. Wegen der pandemiebedingten Schließung des Museums kann die Ausstellung zunächst kein Publikum empfangen.


Zuschreibung und Sichtbarkeit


Barbara Toch erinnert sich an ihre Arbeitsbedingungen in der DDR in ihrer Widersprüchlichkeit. Atelierwohnung, Kinderbetreuung, eine kommunal finanzierte Grafikdruckerei und das kollegiale Umfeld schaffen konkrete Möglichkeiten zum Arbeiten. Öffentliche Aufträge erhält sie dagegen nur gelegentlich; mit ihren Stillleben und Fensterbildern gehört sie, wie sie selbst sagt, „nicht zu den Auftragskünstlern“. Reisen und direkte Begegnungen mit internationaler Kunst bleiben zugleich stark begrenzt.


Auch ihre Erfahrungen als Frau beschreibt Barbara Toch differenziert. Eine grundsätzliche Benachteiligung gegenüber männlichen Kollegen habe sie damals selbst kaum so wahrgenommen. Rückblickend fällt ihr eher auf, dass manche Männer sich und ihre Arbeit selbstverständlicher wichtig nahmen. Sehr konkret wirkt sich dagegen die Familienarbeit aus: Kontinuierliches Arbeiten wird durch Kinderbetreuung, die Unterstützung ihres Partners und die unmittelbare Nähe von Wohnung und Atelier ermöglicht.


Für UNCOVER ist Barbara Toch gerade deshalb eine wichtige Position, weil ihre Schaffensbiografie einfache Zuschreibungen immer wieder unterläuft. Die DDR erscheint in ihrer Erinnerung sowohl als begrenzter Bewegungs- und Erfahrungsraum als auch als Ort konkreter Arbeitsmöglichkeiten. 1989/90 erweitert ihren künstlerischen Horizont grundlegend und verlangt eine Neuorientierung im Kunstbetrieb. Auch ihre malerische Entwicklung lässt sich nicht in ein einfaches Vorher und Nachher teilen: Die offeneren und prozesshafteren Arbeiten der folgenden Jahre wachsen aus Fragen und Ausdrucksformen heraus, die bereits zuvor angelegt waren. An Barbara Toch wird damit besonders deutlich, worauf UNCOVER den Blick richtet: auf historische Bedingungen, die künstlerische Wege prägen, und auf die Eigenständigkeit einer Entwicklung, die sich über politische und gesellschaftliche Umbrüche hinweg fortsetzt.


Quellen:

»Ganz los wird man die Herkunft ja sowieso nicht. Ob jetzt im ganz persönlichen, familiären Bereich oder im gesellschaftspolitischen Umfeld. […] Man musste erst mal erkennen: Wie gehen jetzt die Dinge, wie läuft das? Wem kann ich vertrauen? Was muss ich tun, um gesehen zu werden? Kann ich das erfüllen? […] Man hätte sich mehr sichtbar machen können manchmal. Also mir geht es so.«