UNCOVER.
Ostdeutsche Künstler:innen zwischen Zuschreibung und Sichtbarkeit
UNCOVER setzt bei einem bis heute bestehenden Ungleichewicht in der Sichtbarkeit ostdeutscher Künstler:innen im gesamtdeutschen Kunstbetrieb an. Viele, die in der DDR geboren und sozialisiert wurden oder nach 1989/90 in Ostdeutschland aufgewachsen sind, werden bis heute vor allem regional wahrgenommen. Überregional sind ihre Arbeiten in Ausstellungen, Sammlungen und der kunsthistorischen Rezeption häufi nur punktuell präsent. UNCOVER nimmt diese Schieflage zum Ausgangspunkt und fragt, wie künstlerische Sichtbarkeit entsteht: Welche Rolle spielen institutionelle Zugänge, Netzwerke und Ressourcen? Unter welchen Bedingungen werden Werke ausgestellt, gesammelt und kunsthistorisch eingeordnet – und damit Teil eines Kanons?
Die Ausstellung bringt sechs ostdeutsche künstlerische Positionen aus mehreren Generationen zusammen: Gerda Lepke, Barbara Toch, Karin Hunger, Nadja Schütt, Tobia König und Vivien Schlecht. Ihre Geburtsjahrgänge reichen von 1939 bis 1992. Damit begegnen sich künstlerische Laufbahnen, die noch in der DDR begannen, Wege, die durch Umbruch und Transformation führen, und Positionen, deren künstlerische Praxis sich im wiedervereinten Deutschland entwickelte. Diese Zeitebenen eröffnen einen differenzierten Blick auf Brüche, Kontinuitäten und Neuanfänge künstlerischer Arbeit.
Herkunft und Geschlecht bilden dabei die kuratorische Klammer von UNCOVER. Sie prägen die einzelnen Schaffensbiografien auf unterschiedliche Weise – etwa über Ausbildungswege, Arbeitsbedingungen, familiäre Verantwortung, Netzwerke und institutionelle Zugänge. Die Werke greifen diese Erfahrungen nicht immer ausdrücklich auf und folgen ihrer eigenen ästhetischen Logik. UNCOVER verzichtet deshalb auf einfache Zuschreibungen wie „angepasst“ oder „rebellisch“. Im Zentrum stehen individuelle künstlerische Wege und Strategien: das Beharren auf eigenen Ausdrucksformen, der Umgang mit veränderten Arbeitsbedingungen und die Suche nach Freiräumen für künstlerische Arbeit. Über mehrere Jahrzehnte hinweg werden so unterschiedliche Erfahrungen von Kontinuität, Veränderung und Neubeginn sichtbar.
Für die älteren Generationen gehören dazu Erfahrungen innerhalb des Kunstsystems der DDR ebenso wie die tiefgreifenden Veränderungen nach 1989/90. Hochschulen, Verbände, Galerien, Förderstrukturen und Märkte ordneten sich neu; vertraute Netzwerke verloren an Bedeutung, andere Möglichkeiten entstanden. Für jüngere Künstler:innen stellen sich Fragen künstlerischer Arbeit und Sichtbarkeit unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen neu – etwa in Bezug auf ökonomische Absicherung, Atelier- und Arbeitsraum, Care-Arbeit, Förderung und den Zugang zum Kunstbetrieb. Die Biografien von UNCOVER zeigen, wie unterschiedlich Künstler:innen auf solche Voraussetzungen reagieren und daraus eigene Wege und Arbeitsformen entwickeln.
Zuschreibungen entstehen dort, wo Herkunft, Geschlecht oder Generation den Blick auf eine künstlerische Position mitbestimmen. Eine Arbeit kann als „ostdeutsch“, „DDR-geprägt“ oder als Ausdruck einer Nachwendeerfahrung gelesen werden und dadurch in bestimmte historische und kunstgeschichtliche Zusammenhänge treten. Solche Einordnungen können Orientierung schaffen und Erfahrungen sichtbar machen. Ihre Gewichtung beeinflusst zugleich, welche Aspekte eines Werkes wahrgenommen werden und in welchen Kontexten eine Position erscheint. Mit „ostdeutsch“ beschreibt UNCOVER einen Erfahrungsraum, der sich von der DDR über den Umbruch von 1989/90 und die Transformationsjahre bis in die Nachwendezeit und Gegenwart erstreckt. Was diese Herkunft für eine künstlerische Biografie bedeutet, verändert sich dabei mit Generation, Lebensweg und gesellschaftlichem Kontext. Die Ausstellung interessiert sich für genau dieses Spannungsfeld: für die gesellschaftlichen und biografischen Bedingungen künstlerischer Arbeit ebenso wie für die ästhetische Eigenständigkeit der Werke.
Für UNCOVER stehen Werk und Biografie in Resonanz und behalten zugleich ihre eigene Aussagekraft. Materialien, Motive, Oberflächen, Körper und Räume tragen ästhetische Entscheidungen und können zugleich biografische Erfahrungen, gesellschaftliche Bedingungen und historische Konstellationen aufnehmen. So entstehen Verbindungen zwischen individueller Perspektive und Zeitgeschichte, zwischen Material und Erinnerung, zwischen Lebensweg und Form. UNCOVER folgt diesen Spuren und macht sichtbar, wie unterschiedlich sich Biografie und gesellschaftlicher Kontext in künstlerische Praxis einschreiben können.
Drei eng miteinander verbundene Formate eröffnen unterschiedliche Zugänge. Die digitale 3D-Ausstellung bildet das Herzstück von UNCOVER. In einem virtuellen Atelierraum bewegen sich Besucher:innen eigenständig durch den Raum; Kunstwerke und Gegenstände führen zu weiteren Arbeiten, biografischer Vertiefung und den Podcastfolgen. Die analoge Ausstellung im B-Part Exhibition am Gleisdreieck bringt ausgewählte Originale zusammen und macht Material, Oberfläche, Maßstab und räumliche Wirkung unmittelbar erfahrbar. In der Podcastreihe erzählen die Künstler:innen selbst von ihren Werken, ihren Schaffensbiografien und den Bedingungen, unter denen ihre Kunst entstanden ist. So verbinden sich Sehen, Lesen und Hören zu drei Perspektiven auf die beteiligten künstlerischen Positionen.
UNCOVER ist als wachsendes Format angelegt. Die digitale Ausstellung und die Podcasts bleiben über die Berliner Ausstellung hinaus zugänglich und werden um weitere Künstler:innen, Werke und Gespräche ergänzt. Analoge Ausstellungen an wechselnden Orten führen das Projekt in neuen Konstellationen fort. So entwickelt sich UNCOVER zu einem digitalen Ausstellungsraum für ostdeutsche künstlerische Biografien.
UNCOVER ist ein Projekt von WAM – Women in Arts and Media e. V. WAM ist ein transdisziplinäres, branchen- und spartenübergreifendes Netzwerk für Geschlechtergerechtigkeit in Kultur und Medien. Der Verein setzt sich für gerechtere Strukturen und Zugänge ein, stärkt die Sichtbarkeit und Vernetzung von Akteur:innen und bezieht dabei weitere Dimensionen gesellschaftlicher Ungleichheit mit ein.