»Zeit ist sowieso die kostbarste Ressource. Das ist einfach aus meinem Leben, so wie ich mit den Kindern lebe, die Arbeit als Lehrerin, die ich mache, das Wertvollste: dass mal der Moment da ist, wo ich meine Kunst machen kann. […] Meistens findet es tatsächlich in relativ kurzen Sequenzen statt. Und ich bin da hart trainiert inzwischen, in diesen Flow sehr schnell reinzufinden.«
*1976 in Dresden
lebt und arbeitet in Berlin
Skulptur, Fotografie, Text, Installation
Karin Hungers Arbeiten bringen Dinge zusammen, die zunächst kaum zusammenzugehören scheinen. Keramik trifft auf Fotografie, Glas auf Baustoff, Text auf textile Oberflächen. Gefundene und selbst hergestellte Elemente werden gestapelt, gewickelt, gespiegelt, fotografiert und wieder auseinandergenommen. Was wie eine Skulptur erscheint, kann nur für den Moment einer Aufnahme bestehen; was kippt oder zerbricht, wird zum Material für den nächsten Versuch. Aufbau, Auflösung und Verwandlung gehören eng zusammen.
Weg und Werk
Karin Hunger wächst in Dresden zwischen gegensätzlichen Bild- und Materialwelten auf. Der barocken Pracht der Innenstadt stehen die Plattenbaugebiete gegenüber, in denen sie lebt. In den Schneiderwerkstätten ihrer Großmutter und Tante begegnen ihr Stoffe, Nadeln, Spiegel und die Erfahrung, dass sich ein Material durch Bearbeitung vollständig verwandeln kann. Gerade diese Gegensätze – sinnliche Fülle und serielle Ordnung, kostbare Anmutung und alltäglicher Werkstoff – prägen früh ihren Blick. Viele der Materialien, die sie heute verwendet, führen in diesen Kosmos zurück.
Schon als Kind zeichnet und schreibt Karin Hunger viel. Eine Kunstlehrerin erkennt ihr Talent und vermittelt sie mit etwa 13 Jahren an einen Professor der Dresdner Kunsthochschule; später besucht sie dort Abendkurse. In dieselbe Zeit fällt der gesellschaftliche Umbruch von 1989 in der DDR. Karin Hunger erlebt ihn zunächst über ihre Mutter, später auch selbst. Pubertät und politische Veränderung fallen in ihrer Erinnerung zusammen. Aus diesen Jahren bleibt ihr vor allem die Erfahrung, dass scheinbar feste Ordnungen sich grundlegend verändern können.
Nach dem Abitur beginnt Karin Hunger eine gestalterische Ausbildung, wechselt aber bald ins Lehramtstudium für Kunst. Ein Nebenjob in einer Dresdner Galerie wird zum entscheidenden Impuls. Dort begegnet ihr eine Welt, die in ihrem familiären Umfeld kaum vorkam: Kunst als Beruf und als eigener gesellschaftlicher Raum. Karin Hunger beginnt wieder intensiv zu arbeiten, vergrößert ihre Formate und bewirbt sich schließlich an der Hochschule für Bildende Künste Dresden (HfBK). 2001 beginnt sie dort ihr Kunststudium und bringt parallel ihr erstes Staatsexamen zum Abschluss.
An der HfBK erlebt Karin Hunger eine Hochschule im Übergang. Im Grundstudium begegnet sie einer handwerklich geprägten Dresdner Ausbildungstradition; die stärksten Impulse kommen für sie zugleich aus dem großen Gemeinschaftsatelier. Studierende mit sehr verschiedenen Haltungen arbeiten nebeneinander, Graffiti trifft auf klassische Malerei, gemeinsam zieht man durch die Stadt und sucht eigene künstlerische Bezugspunkte. Im Nebeneinander sehr verschiedener künstlerischer Haltungen entwickelt sie schrittweise eine eigene Position.
Während des Studiums wird Karin Hunger Mutter. Damit setzt auch künstlerisch eine Verschiebung ein: Stoff, Nadel und Faden, die sie aus ihrer Kindheit kennt, treten wieder hervor. Sie überstickt und durchlöchert vorgefundenes Bildmaterial, nimmt etwas weg und setzt etwas Eigenes dagegen. Die Arbeiten führen sie schließlich aus der Malerei stärker in den Bereich der Bildhauerei und des raumbezogenen Arbeitens. Das Material selbst rückt nun ins Zentrum der Arbeit: Es kann verbunden, „verletzt“, umgeformt und in neue Zusammenhänge gebracht werden. Noch vor dem Diplom kommt ihr zweites Kind zur Welt.
Nach dem Studium zieht Karin Hunger mit ihrem Mann, dem Künstler Philipp Pink, und den beiden kleinen Kindern nach Berlin. Die Hoffnung auf Nähe zu Galerien und zeitgenössischer Kunst trifft dort auf die ökonomische Realität der freiberuflichen Arbeit. Atelierzeit, Kinderbetreuung, Lebensunterhalt und der Aufbau beruflicher Kontakte verlangen gleichzeitig Aufmerksamkeit. Nach zwei Jahren entscheidet sie sich für das Referendariat und arbeitet fortan als Kunstlehrerin. Die Aufgabe des eigenen Ateliers erlebt sie als enorm schmerzhaften Einschnitt – die künstlerische Arbeit findet jedoch andere Formen.
Zunächst kehrt das Schreiben zurück. Gefundene Wörter und Textfragmente werden zu neuen sprachlichen Gebilden; später kommen Keramik, Fotografie und Collage hinzu. Hunger nutzt Ferien für längere Arbeitsphasen in der Berliner Bildhauerwerkstatt und lernt zugleich, sich mit wenigen Dingen immer wieder einen temporären Arbeitsraum einzurichten. Was zunächst aus knapper Zeit und fehlendem eigenem Atelier entsteht, entwickelt sich allmählich zu einer eigenen Methode.
In den jüngeren Arbeiten greifen diese verschiedenen Wege ineinander. Hunger sammelt Textilien, Glas, Papier, Spiegel und andere Fundstücke, kombiniert sie mit keramischen Formen oder Fotografien und baut daraus fragile, häufig temporäre Konstellationen. Anschließend fotografiert sie die Arrangements, zerlegt sie und führt einzelne Bestandteile in anderen Arbeiten weiter. Auch Texte gehören zu diesem Kreislauf. In selbst publizierten Heften treffen Fotografien, Drucke und Sprache erneut aufeinander: Gefundenes, Gemachtes, Kopiertes und Wiederverwendetes existiert dabei im selben Werk nebeneinander und verbindet unterschiedliche Zeitlichkeiten.
Zuschreibung und Sichtbarkeit
Karin Hunger gehört zu einer Generation, deren professionelle künstlerische Ausbildung vollständig nach 1989 stattfindet und deren Wahrnehmung zugleich in einer DDR-Kindheit beginnt. Sie selbst entdeckt Assoziationen an diese Zeit in Materialien und Arbeitsweise: Gläser erinnern an Vitrinen und Schrankwände der Kindheit, Ytong an die gebaute Umwelt des Plattenbaus. Sie stapelt diese Gegenstände, setzt sie einem möglichen Sturz aus und arbeitet mit den Bruchstücken weiter. Das Fragile wird damit zu einer ästhetischen Erfahrung, die für Karin Hunger auch mit den Umbrüchen ihrer Jugend verbunden ist.
Die Mutterschaft verändert die Bedingungen ihres künstlerischen Arbeitens sehr konkret. Als Karin Hunger während des Studiums schwanger wird, sind Künstler:innen mit Kindern in ihrem Umfeld kaum als selbstverständlich. Nach dem Abschluss konkurrieren Zeit für Netzwerke, Ausstellungen und Selbstvermarktung mit Care-Arbeit und Erwerbssicherung. Karin Hunger entscheidet sich für den Lehrer:innenberuf und damit für finanzielle Eigenständigkeit. Ihre künstlerische Praxis entwickelt sich unter diesen veränderten Bedingungen weiter.
Rückblickend verbindet Karin Hunger diese Erfahrung auch mit ihrer ostdeutschen Sozialisation. Nach dem Studium erscheint ihr der Kunstbetrieb mit seinen informellen Regeln zunächst wie eine „fremde Sprache“: Kontakte zu knüpfen, die eigene Arbeit sichtbar zu machen, auf Vernissagen präsent zu sein oder gezielt nach Ausstellungs- und Fördermöglichkeiten zu suchen, ist für sie keineswegs selbstverständlich. Gleichzeitig beobachtet sie bei manchen westdeutschen Studienfreund:innen finanzielle Rücklagen und familiäre Unterstützung, die längere Phasen freier künstlerischer Arbeit ermöglichen. Damit spricht Karin Hunger weniger über Herkunft als feste Kategorie als über unterschiedliche Ausgangsbedingungen: Wer über Geld, Zeit, Kontakte und Unterstützung verfügt, kann leichter kontinuierlich arbeiten und im Kunstbetrieb präsent bleiben.
Für UNCOVER ist Karin Hungers Position besonders aufschlussreich, weil ihre Biografie zeigt, wie ostdeutsche Herkunft auch für eine Generation wirksam bleibt, deren künstlerische Ausbildung erst nach 1989 stattfindet. Ihre Kindheit und Jugend sind noch von der DDR und den Umbrüchen der Nachwendezeit geprägt; später erlebt sie, dass finanzielle Rücklagen, familiäre Unterstützung, Netzwerke und die Kenntnis der Spielregeln des Kunstbetriebs ungleich verteilt sind. Ihr künstlerischer Weg verläuft deshalb nicht geradlinig von der Hochschule in den Ausstellungsbetrieb. Zeiten intensiver Produktion wechseln mit Phasen, in denen Familie, Care-Arbeit und Beruf viel Raum einnehmen. Darauf reagiert Karin Hunger mit einer beweglichen Arbeitsweise: Sie arbeitet in kurzen Sequenzen, richtet temporäre Ateliers ein, verwendet Materialien erneut und führt Zerbrochenes weiter. Ihre ostdeutsche Herkunft erscheint dabei nicht als Stilmerkmal, sondern als Teil einer Biografie, die ihre Möglichkeiten, Erfahrungen und Wege zur künstlerischen Sichtbarkeit mitprägt.
Quellen:
2026
Fotografie und Text
76 x 82cm
2007
Pigment auf Papier
56 x 110 cm
2026
102 x 90 x 20cm
2009
Acryl auf Karton
75 x 85cm
2022
Keramik
17 x 24 x 12 cm
Keramik, Spiegel, Textil, Glas
2023
Keramik
Glas, Yton
123 x 87 x 23 cm
2025
62x 80 cm
Fotografie