»Die Machtstrukturen im Kunstmarkt werden sehr gerne versteckt und bleiben versteckt. Man weiß nicht, wer über wen wann wo gedacht oder gesprochen hat, weil niemand offen redet. Immer sind da verschiedene Zirkel, die unter sich gewisse Selbstverständlichkeiten haben, mit denen sie kommunizieren, und nach außen ist es sehr undurchsichtig. […] Das ist aber auch eine Machtstruktur, diese Unsichtbarkeit.«
*1986 in Zwenkau bei Leipzig
lebt und arbeitet in Leipzig
Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Risografie, Keramik
Bei Tobia König beginnt vieles mit einer Linie, die Flächen teilt, Körper formt, zur Grenze oder Landschaft wird. Daraus entstehen Menschen, Tiere und hybride Wesen, die verletzlich, kraftvoll, grotesk oder bedrohlich erscheinen können. Historische Bildwelten und mythologische Motive verbinden sich mit Fragen, wie wir Körper lesen und Figuren Rollen oder Geschlechtern zuordnen. Tobia König selbst versteht die dabei wirksamen gesellschaftlichen Sehgewohnheiten und Hierarchien als wichtigen Ausgangspunkt der künstlerischen Arbeit.
Weg und Werk
Tobia König wächst in Leipzig auf. In der Familie spielt Kultur durchaus eine Rolle: Die Eltern hören klassische Musik, der Vater ist klassischer Sänger. Zur Bildenden Kunst und zum professionellen Kunstbetrieb gibt es jedoch kaum Berührungspunkte. Tobia König selbst zeichnet schon von Kindheit an viel. Auch während der Schulzeit ist der Stift fast ständig in der Hand. Das Zeichnen wird zu einer alltäglichen Tätigkeit, die Konzentration ermöglicht und zugleich einen eigenen Rückzugsraum schafft.
Tobia König erinnert sich an das Leipzig der späten 1990er-Jahre als eine Zeit von Angst, Hoffnungslosigkeit und einer spürbaren Leere in der Stadt. Solche Zustände kehren in den Arbeiten wieder: Figuren wirken eingeengt, bedrängt oder einer äußeren Gefahr ausgesetzt. Tobia König verbindet diese Bildsituationen selbst mit Erfahrungen aus der eigenen Jugend; Angst und Leere werden in Körperhaltungen und räumlichen Spannungen spürbar.
Der Weg an die Kunsthochschule führt zunächst über ein anderes Studium. Von 2007 bis 2011 studiert Tobia König Politikwissenschaft in Nancy, Frankreich. Schon bald wird jedoch deutlich, dass dieses Studium kaum zum eigenen Leben passt. Tobia König sucht den Kontakt zur dortigen Kunsthochschule, verbringt immer mehr Zeit mit den Kunststudierenden und wird schließlich Gasthörer:in. Nach zwei Jahren in Nancy und einem Studienjahr in Amsterdam schließt Tobia König den Bachelor ab. Inzwischen folgen Bewerbungen an Kunsthochschulen. 2011 kehrt Tobia König nach Leipzig zurück und beginnt das Studium der Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst.
2018 endet das Studium mit der Diplomausstellung Das Schöne Geschlecht (Party Boy). Eine Frage, die dort bereits sichtbar wird, begleitet die Arbeit bis heute: Wie lesen wir das Geschlecht einer Figur? Tobia König verbindet diese Frage mit gesellschaftlichen Sehgewohnheiten und Hierarchien. Die häufig uneindeutige Geschlechtlichkeit der Figuren lässt Zuordnungen offen und macht zugleich die Erwartungen der Betrachtenden sichtbar.
Nach dem Diplom sucht Tobia König auch formal nach Konzentration. In der Risografie-Serie Why do I feel so weak? von 2019 stehen einzelne Figuren groß und dicht im Bildraum. Sie kauern, betrachten ihre Hände oder ziehen die Schultern hoch; um sie herum bleibt bewusst Weißraum. Mit kräftigen Flächen und wenigen Setzungen entstehen konzentrierte, körperlich wirkende Situationen. In Was ist? von 2019 wird die fragende Haltung der Figur selbst zum Thema. Bedrückende Zustände können durch Überzeichnung und einen lockeren Strich zugleich ins Absurde oder Komische kippen.
Parallel öffnen sich die Arbeiten zu historischen und mythologischen Bildwelten. In Palais von 2019 begegnen sich Menschen und Tiere in großformatigen, teilweise grotesken Szenen. Anklänge an mittelalterliche Tafelbilder und Schlachtengemälde treffen auf expressive Farben und überzeichnete Körper. Mythologische Bezüge entstehen häufig erst im Arbeitsprozess: Das Bild steht am Anfang, bestehende Erzählungen und kunsthistorische Vorbilder bieten anschließend Möglichkeiten, es weiterzudenken.
In jüngeren Arbeiten erweitert Tobia König diese Bildwelt um keramische Formen und räumliche Arrangements. In der gemeinsamen Ausstellung Oh! floating mane mit Eva Gräbeldinger 2024 treffen Malerei und Zeichnung auf keramische Skulpturen und Lithografien. Tiere, Traumzustände und mythologische Erzählungen werden Teil einer gemeinsamen Rauminstallation.
Ein Motiv zieht sich besonders deutlich durch Tobia Königs Arbeiten: das Pferd. In einer großformatigen Malerei trifft ein verletzlich wirkendes Pferdewesen auf eine aggressiv aufgeladene Umgebung aus hunde- oder wolfsartigen Tieren, Blut und Bedrohung. Eine menschliche Figur setzt dieser Szenerie einen ruhigen, beinahe hoffnungsvollen Blick entgegen. Tobia König verbindet das Bild mit Feststecken, äußerer Gefahr und zugleich mit Hoffnung – Erfahrungen, die auch Erinnerungen an das Leipzig der Nachwendejahre berühren.
Zuschreibung und Sichtbarkeit
Am Pferdemotiv zeigt sich, wie kulturelle Zuschreibungen bis in die eigene Motivwahl hineinwirken können. Tobia König hatte lange Hemmungen, Pferde zum Gegenstand der eigenen Arbeit zu machen. Zu stark erschien das Motiv mit dem herablassend weiblich konnotierten Klischee des „Pferdemädchens“ und einer vermeintlich kitschigen Bildwelt verbunden. Die Vorstellung davon, wie ein solches Motiv im Kunstbetrieb gelesen werden könnte, beeinflusste damit bereits die künstlerische Entscheidung.
Auch die menschlichen Figuren lassen geschlechtliche Zuordnungen häufig offen. Tobia König interessiert, wie schnell wir Körper als männlich oder weiblich lesen und welche Vorstellungen dabei bereits wirksam werden.
Die Bedingungen von Sichtbarkeit erlebt Tobia König zugleich als schwer durchschaubar. Entscheidungen im Kunstbetrieb entstehen häufig in Zirkeln und informellen Zusammenhängen; wer sich wann für oder gegen eine Arbeit entscheidet, bleibt von außen kaum nachvollziehbar. Diese Unsichtbarkeit beschreibt Tobia König als eine Form von Macht. Hinzu kommt die ökonomische Seite: Lohnarbeit bindet Zeit, die für die eigene Kunst fehlt. Deshalb misst Tobia König öffentlicher Förderung auch jenseits des oberen Marktsegments große Bedeutung bei.
Für UNCOVER ist Tobia Königs Position besonders relevant, weil sich hier Erinnerungen an die Leipziger Nachwendezeit mit gegenwärtigen Fragen von Körper, Gender und Sehgewohnheiten verbinden. Die DDR gehört kaum zum eigenen Erinnerungsraum; prägend sind die 1990er-Jahre und eine künstlerische Ausbildung im vereinigten Deutschland. Erfahrungen von Angst, Enge und Bedrohung finden in Körpern und Bildräumen eine eigene Form. Zugleich untersucht Tobia König, wie kulturelle Vorstellungen unsere Wahrnehmung von Figuren und Geschlecht prägen. Herkunft bleibt dabei als Erfahrungsraum präsent und steht neben Fragen, die weit in die Gegenwart reichen.
Quellen:
2022
Ölkreide auf Papier
2024
Marker auf Papier
2025
Marker auf Papier
2025
Marker auf Papier
2024
Marker auf Papier
2022
Ölkreide auf Papier
2022
Ölkreide auf Papier
2025
Marker auf Papier
2025
Ölkreide auf Papier